Caspar Heinemann: Tempting Fate

Ausstellungseröffnung: Freitag, 25. September 2026, 18–21 Uhr
Löwenbräu Season Opening: Freitag, 25. September 2026, 18–23 Uhr

In seinen Skulpturen, Installationen, Performances, Zeichnungen und Texten überführt der in Glasgow lebende Künstler Caspar Heinemann (geb. 1994 in London) Sprache, Erzählungen und historische Fragmente in materielle und räumliche Formen. Dabei verbindet er häufig queere und gegenkulturelle Geschichten mit Bezügen zu Kunst und Architektur, die abseits des Mainstreams entstanden sind, sowie zu spirituellen und literarischen Traditionen, in denen oftmals unerwartete Erzählungen und Figuren zum Vorschein kommen. Im Zentrum seiner Ausstellung in der Kunsthalle Zürich steht eine neue, raumgreifende Installation, die Heinemanns Interesse an handwerklichen Prozessen und Materialität aufgreift. Darin richtet Heinemann den Blick auf den Nachthimmel – ein wiederkehrendes Motiv in seinem Werk, anhand dessen er Fragen nach Kontinuität, Vorstellungskraft und sogenanntem «magischen Denken» untersucht.

ABRACADABRA (2026), eine eigens für die Ausstellung entwickelte Installation, umfasst einfache Holzpaletten und einen schweren, schalldämpfenden, handbestickten Vorhang, der den Raum der Kunsthalle Zürich in zwei Hälften teilt. Die Konstruktion erinnert an eine improvisierte Theaterbühne in einer Schule oder einem Gemeindesaal und besteht aus zwei identischen, Rücken an Rücken installierten Bühnen, die jeweils über eine Treppe verfügen. Tatsächlich gibt es jedoch weder eine Vorder- noch eine Rückseite und auch keinen für das Theater charakteristischen eigentlichen Backstage-Bereich. Die Trennung ist eine Illusion: Die Rückseite jeder Bühne dient zugleich als Vorderseite der jeweils anderen.

Wie die einfache Konstruktion aus Europaletten folgt auch der schwarze Vorhang einer bewusst handgemachten Ästhetik. Aus einer Vielzahl verschiedener Stoffe zusammengenäht und mit groben Stichen befestigten Sternen versehen, bleiben Fäden und Nähte sichtbar und verweisen damit auf Heinemanns Erfahrungen mit Punk-, DIY- und Hausbesetzerkulturen und deren Verwendung von leicht verfügbaren Materialien. Die Prozesse des Anfertigens, Reparierens und bewussten Einfügens von Patchwork-Elementen bleiben dabei gezielt uneindeutig. Der Nachthimmel dient hier als allegorisches Mittel, das die Kluft zwischen dem Ding und seiner Darstellung verkompliziert: Einige wenige Sterne auf schwarzem Grund genügen, um das Bild eines Nachthimmels zu erzeugen, während sich das, was sie darstellen sollen, letztlich jeglicher Abbildung entzieht. Als Motiv, das zugleich geografisch spezifisch und universell ist, wird der Nachthimmel so zu einer Projektionsfläche für Vorstellungen und Bedeutungen – und für den Versuch, etwas letztlich Unbegreifliches fassbar zu machen.

Im Dialog mit ABRACADABRA steht 2x Early Post War Black Forrest Cuckoo Clocks Hand Painted Shields Restoration (2026), eine ebenfalls eigens für die Ausstellung entstandene Arbeit. Zwei Holzuhren aus dem Schwarzwald wurden für die Ausstellung restauriert und wieder funktionsfähig gemacht. Ihr Ticken wird über Kontaktmikrofone und Lautsprecher verstärkt und erfüllt den Ausstellungsraum. Die Uhren erinnern an die Ästhetik von Volkskunst und traditionellem Handwerk, wurden jedoch zwischen 1947 und 1952 für den Export in Massenproduktion hergestellt – in einer Zeit, in der Produktionsverfahren aus der Vorkriegszeit vorübergehend wieder aufgenommen wurden. Heinemann interessiert sich dafür, wie die mit dem Nationalsozialismus verbundene „völkische“ Bildsprache auch nach Kriegsende eine breite Anziehungskraft bewahrte. Die Uhren stehen in Kontrast zur bewusst improvisierten Anmutung von ABRACADABRA, die auf nichtkommerziellen Techniken von Hobbyisten und Gegenkulturen zurückgreift. Heinemann interessiert sich dabei für das Verhältnis zwischen den gegensätzlichen Ästhetiken der beiden Arbeiten und den sozialen und ethischen Vorstellungen, die mit ihnen verbunden sind – und damit auch für die Rolle des Imaginären im Politischen.

Verschiebungen und Mehrdeutigkeiten spiegeln sich auch in Heinemanns Umgang mit Sprache wider, insbesondere in den Titeln seiner Arbeiten. ABRACADABRA ist ein Wort unklaren Ursprungs, das sowohl in rituellen Praktiken als auch bei illusionistischen Darbietungen verwendet wird, um eine Verwandlung von Materie herbeizuführen. Einer verbreiteten volksetymologischen Deutung zufolge leitet sich das Wort von einer aramäischen oder hebräischen Wendung ab, die «Ich erschaffe, indem ich spreche» bedeutet. Der Titel verweist damit auf die Vorstellung, durch Sprache – oder eine ausgesprochene Formel – Zugang zu einer anderen Wirklichkeit zu erlangen. Auch der Ausstellungstitel Tempting Fate spielt mit dieser Vorstellung und trägt eine doppelte Bedeutung: Zum einen bezeichnet er ein Schicksal, das verlockend ist («a tempting fate»), zum anderen verweist er auf die englische Redewendung «to tempt fate», also das Schicksal herauszufordern, es auf die Probe zu stellen oder es geradezu zu provozieren – sich etwas vorzustellen oder auszusprechen und dadurch zu riskieren, dass es tatsächlich zur Wirklichkeit wird. Mit anderen Worten: Man sollte vorsichtig sein mit dem, was man sich wünscht.

Tempting Fate ist die erste institutionelle Einzelausstellung des Künstlers ausserhalb des Vereinigten Königreichs und wird von Fanny Hauser kuratiert. Die Ausstellung wird durch die Unterstützung der Dr. Georg und Josi Guggenheim-Stiftung ermöglicht.


zur Website der Veranstalter:in

Daten

Bis zum 10. Januar 2027

Veranstalter:in

Kunsthalle Zürich

Die Kunsthalle Zürich ist eine nicht-kommerzielle, mitgliedergetragene Institution, die sich der Förderung zeitgenössischer Kunst und ihrer Diskurse widmet. Im Zentrum ihrer Tätigkeit stehen die Produktion, Präsentation und Vermittlung von ...

Ort

Kunsthalle Zürich

Limmatstrasse 270
8005 Zürich
info@kunsthallezurich.ch

Google Maps

Öffnungszeiten:

Öffnungszeiten während der Ausstellungen:

Montag  geschlossen
Dienstag  11:00 – 18:00
Mittwoch  11:00 – 18:00
Donnerstag  11:00 – 20:00
Freitag  11:00 – 18:00
Samstag  11:00 – 18:00
Sonntag  11:00 – 18:00

Zugänglichkeit:

Infos Zugänglichkeit:

Zum Haupteingang führt eine Treppe mit 14 Stufen. Der Alternativeingang dazu befindet sich an der Limmatstrasse 268 (Lift-Eingang). (Behindertenparkplätze im Hof für CHF 5/h vorhanden). Der gesamte Ausstellungsbereich ist hindernisfrei zugänglich. Der Lift erschliesst alle relevanten Gebäudeebenen. Eine Rollstuhl-Toilette befindet sich im 1. Untergeschoss. Weitere Informationen: Zugangsmonitor von Procap.

Bei Fragen sind wir telefonisch unter 044 272 15 15 erreichbar.

Weitere Infos

Infos & Zugänglichkeit Weniger Infos