Vom Segen in die Traufe

Schöne neue Welt: Es regnet Päckli im Fabriktheater. Doch Jungkritiker Gustavo, Sohn des Autors, blickt hinter die Kulissen.

Klingelingeling, die Post ist da! Wer freut sich nicht über schöne, neue Sachen, die der Kurier bis an die Haustür bringt? Wenn man nur will, fühlt sich jeder Tag an wie Weihnachten – und das Internet ist der von Engelsgesang gesäumte Weg zur Bescherung. Das Team der freien Gruppe Teatro Lata nimmt sich im Kindertheater «Bon App!» den verfänglichen Reizen der Onlinewelt an. 

Das Stück mischt verschiedene Erzählebenen, mischt Musik mit Spiel, mischt Rap mit Cumbia, mischt die Schicksale von Frank und Carlos. Der eine sitzt zuhause und bestellt, was das Zeug hält. Der andere sitzt im Warenlager des Kurierdienstes Super Blitz und liefert aus, was das Zeug hält. Schliesslich will Influencer Frank seine Online-Community mit coolen Auspack-Videos bei der Stange halten und Kurier Carlos vielleicht mal seine eigene Bude aufbauen. Je mehr Päckli, desto mehr Geld – ist doch logisch.

Aber womit wird man genau beschert? «Was ist in all diesen Päckli drin?» fragt Jungkritiker Gustavo, der an seinem freien Mittwochnachmittag einer Probe bewohnen darf. «Und wieso macht der Mann nicht alle auf? Ist er müde?»

Die Päckli kennt Gustavo natürlich von zuhause. Kleider sind da drin für ihn und seine kleine Schwester. Wunderkissen, Pizzas, Schuhe für den Vater. Bücher, Platten, ein Minidrucker für Klebeetiketten, oder ein Gameboy, auf der man Super Mario und etwa eine Million anderer alter Konsolenspiele zocken kann.

Ja, auch Spielsachen bringt der Pöstler immer wieder. Etwa ein hölzernes Puzzle, das einmal um den halben Globus transportiert wurde, damit Gustavo die Dimensionen des südamerikanischen Heimatlandes seiner Mutter besser versteht. Leider hat sich da beim ersten Mal Zusammensetzen schon das eine oder andere brasilianische Bundesland vom Fundament gelöst.

Was ist da also drin? Blödsinn mehrheitlich. «Braucht er das denn alles?» fragt Gustavo, durchaus angetan von der grossen Transporttasche und den grellen Farben, in die sich der Super-Blitz-Kurier kleidet. Aber da ist Franks Bankkonto schon leer, das Gesicht aschfahl und eine Antwort hinfällig. Die Rettung: ein Job als Kurier, gemeinsam mit Carlos. Aber löst das beider Probleme? Please make an educated guess!

Das Teatro Lata hat keinen Aufwand gescheut, um diese Konsum-, Medien- und Zeitkritik (Regie: Michel Schröder, Gustavo Nanez, Angela Sanders, Spiel und Musik: Dominik Blumer und Gustavo Nanez) in ein fundiertes, modernes Kindertheater zu verwandeln. Sie haben mit Dutzenden von Kurieren gesprochen und deren abgeklärte Bosse interviewt. Auf der Bühne sterben Träume und brechen Knochen. Wir sind nicht beim Märchen: Diese Welt gibt es wirklich und wir befeuern sie alle.

Aber bei allem Ernst – den skrupellosen Chef mit dem dicken Bauch hat der Kritiker sofort entlarvt – schafft es die Gruppe eben doch, Kinderunterhaltung zu erzeugen. Sie endet mit einer positiven Message jenseits aller Apps und Datenströme. Und Gustavo geniesst zudem den Journalistenbonus: Er darf sich nach dem stündigen Stück in den Kulissen vertun und im Kurier-Outfit ein paar Runden mit dem Trotti drehen.

Die Begeisterung trägt Früchte: Drei Tage später werden wir im heimischen Wohnzimmer mit einem selbstentwickelten Kasperlitheater beglückt. Wenn es nicht Sonntagmorgen um halb sieben gewesen wäre, wir hätten sicher noch frenetischer Beifall geklatscht.
 

«Bon App» wird am 29.03. um 17 Uhr und am 30.03. um 14:30 Uhr im Fabriktheater in Zürich aufgeführt.

 

Weitere Informationen und Tickets unter teatrolata.ch.

Von Adrian Schräder am 27. März 2025 veröffentlicht.

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