Erster Akt: Neustart

Die Sommerpause ist vorbei, doch statt nahtlos weiterzumachen, setzen viele Häuser auf Bruch, Aufbruch und Neubeginn. Neue Intendant:innen, Umzüge, Uraufführungen: Vielerorts wird gerade auf Anfang gedrückt. Wir haben uns umgeschaut, wo der Neustart nicht nur formal, sondern auch inhaltlich spürbar wird.

Neue Intendanz startet mit Stille

Erster Auftritt für Mathieu Bertholet, der erste Romand auf einem Deutschschweizer Intendant:innenposten. Er kommt als Brückenbauer: geprägt von der Westschweizer Tournee-Logik und der deutschsprachigen Ensemble-Tradition will er das Zürcher Theater am Neumarkt vom Text her neu aufladen – schnell, körperlich, präzise. Und genau dort setzt sein erster Abend an: Die Stille zeigt vier Menschen an einem Strand, die im Stillstand verharren, bis sich etwas bewegt. Was wie eine Warteschleife beginnt, kippt in eine Erzählung über Transformation – und eröffnet Bertholets Intendanz ohne Knalleffekt, sondern mit einer klaren Setzung.

Premiere 22. September, Die Stille

Lesenswert: Portrait in der Republik über Mathieu Bertholet

Die Stille

Theater Neumarkt

Die Stille

In dieser Theater-Inszenierung werden wir uns den Konsequenzen einer neuen Trostlosigkeit gewahr, flankiert von riesigen, schweigenden Lautsprechern.

08.01.2026  |  20:00 Uhr

Weitere Daten vorhanden

Stimmen von morgen

In der Alten Reithalle Aarau gehört die Bühne für ein paar Tage den Jüngsten. Das «fanfaluca Festival» versammelt zum zwölften Mal Jugendgruppen aus allen Sprachregionen und zeigt, wie früh Theater politisch, verspielt oder poetisch werden kann. Mal tanzen Teenager:innen eine flauschig-schillernde Fantasie (Violett & Fluffig), mal verhandeln sie Mythen neu (Me’de:a), mal suchen sie Science-Fiction-Szenarien für die Gegenwart (Oltre le onde). Für viele ist es der erste Auftritt vor grossem Publikum – und damit gleich doppelt ein Neubeginn: für die jungen Spieler:innen selbst und für ihre noch frischen Themen.

9. – 14. September, Alte Reithalle Aarau

Zukunftstest auf der kleinen Bühne

Die Winkelwiese eröffnet ihre Saison mit Science-Fiction: In «Herz aus Polyester» ist die Erde vom Plastik erstickt, die Menschheit sucht ihr Heil auf dem Mars. Wer darf mit? Ein Algorithmus entscheidet. Das Stück entwirft eine Zukunft als Wettstreit und stellt leise die Frage: Was ist ein Leben wert, wenn es neu beginnt? Ein Zukunftsszenario im kleinen Rahmen, das nicht fern klingt, sondern erschreckend nah.

ab 11. September, Herz aus Polyester

Plakat F4 Herz Polyester HE2 Bild min

Theater Winkelwiese

Herz aus Polyester

In Hoffnung auf Zukunft und Sinnfindung zeichnet das Stück Herz aus Polyester eine Welt, in der Sehnsucht längst zur Ware geworden ist.

23.01.2026  |  20:00 Uhr

Weitere Daten vorhanden

Zeit im Strudel

Die Dresdner «the guts company» bringt in Baden die Zeit selbst zum Tanzen. Ausgestattet mit Kopfhörern folgt das Publikum zwei Performerinnen durchs Quartier rund ums Theater im Kornhaus, hört Stadtgeräusche, Textsplitter, den Rhythmus von Körpern. Mit dabei: die lokale«KidzCompany Breaking Waves». Aus Schritten, Klängen und Bewegungen entsteht ein Strudel, der das Jetzt immer wieder neu erfindet – flüchtig, unwiederholbar.

11. & 12. September, ThiK Baden

Neues Zuhause: Wir sind hier!

Nach 24 Jahren im Unterwerk Selnau wagt das Haus Konstruktiv den Sprung ins Löwenbräukunst-Areal. Der Umzug ist mehr als eine neue Adresse: Er bedeutet auch, die eigene Geschichte neu zu schreiben. Die Eröffnungsausstellung «Wir sind hier!» macht diesen Aufbruch sichtbar – Klassiker wie Max Bill oder Verena Loewensberg treten neben frisch restaurierte Arbeiten von Elodie Pong, Ricardo Alcaide oder Francisco Sierra. Alt und neu, bewährt und riskant: Die Sammlung markiert selbstbewusst ihren Neuanfang im neuen Haus.

bis 28. September, Ausstellung «Wir sind hier!»

Hörenswert: Kuratorin Sabine Schaschel im Gespräch

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Museum Haus Konstruktiv

Wir sind hier! Eine Ausstellung mit Highlights und Neuzugängen der Sammlung

Mit der Ausstellung Wir sind hier! feiert das Museum Haus Konstruktiv seinen Umzug ins Löwenbräukunst-Areal. Nach 24 Jahren im ewz-Unterwerk Selnau ...

Dauerausstellung

Am Rand der Nacht

Die Gessnerallee eröffnet ihre Saison mit dem Schwerpunkt «(Un)gentle Learning» – einer Auseinandersetzung mit Übergängen, Trauer und Lernprozessen. In diesem Rahmen zeigt die Zürcher Künstlerin Ceylan Öztrük die Performance «Fourth Eye, 4.40 AM». Entlang von Empfindungen des Nicht-Dazugehörens und der Desorientierung entfaltet sich ein innerer Prozess: Identitäten zerfallen, neue Varianten des Selbst tauchen auf. Ein Auftakt, der keine Sicherheit verspricht, sondern tastend nach vorne geht und so den Neuanfang gerade im Schwebezustand sichtbar macht.

11. – 15. September, Gessnerallee

Mauern in Bewegung

In Lenzburg stehen Gefangene auf der Bühne. «Gottlos» verlegt die griechische Unterwelt in den Alltag der Justizvollzugsanstalt – mit Hades, Richter:innen und Regeln, die immer neu verhandelt werden müssen. Für das Publikum ist es ein seltener Einblick, für die Spielenden ein echter Neubeginn. Theater als Möglichkeit, Grenzen aufzuheben, wenn auch nur für zwei Stunden.

12.–20. September, Gefängnistheater Lenzburg

Sehenswert: SRF Kulturplatz-Beitrag zum Gefängnistheater

Kuhstall und Kosmos: Ein Doppelauftakt

Auch am Schauspielhaus Zürich ist alles neu: Mit Pınar Karabulut und Rafael Sanchez übernimmt ein junges Duo die Leitung. Statt sanft einzusteigen, setzen sie auf Härte und Bruch: «Blösch» erzählt vom Alltag im Schlachthof, dicht, drängend und voller Fragen an unser Verhältnis zu Arbeit, Tier und Körper. Am Tag danach folgt «Are You Ready to Die?» – ein Stück, das die eigene Endlichkeit ins Zentrum rückt. Zwei Premieren in zwei Tagen: kein sanfter Einstieg, sondern zwei Abende, die gleich auf Konfrontation setzen.

Premieren 18. & 19. September, Blösch & Are You Ready to Die?

Vertiefend: Gespräch mit den Intendant:innen in der Republik

BLÖSCH

Schauspielhaus Zürich

BLÖSCH

von Beat Sterchi / Bühnenfassung von Mike Müller / REGIE: Rafael Sanchez.

09.01.2026  |  20:00 Uhr

Weitere Daten vorhanden

ARE YOU READY TO DIE?

Schauspielhaus Zürich

ARE YOU READY TO DIE?

LIMINALE ZUSTÄNDE VOR DER EXEKUTION / nach einer Lücke in Friedrich Schillers «Die Jungfrau von Orleans» / REGIE: Marie Schleef.

24 Stunden Offenheit, dann Strauss

Neuer Intendant, neuer Auftakt: Matthias Schulz startet am Opernhaus Zürich mit einem doppelten Programm, das ungewöhnlicher kaum sein könnte. Erst 24 Stunden Daueroffenheit mit Proben, Mini-Konzerten und Blicken hinter die Kulissen – dann Strauss’ opulenter «Rosenkavalier», besetzt mit Diana Damrau und dirigiert von Joana Mallwitz. Ein Einstand, der Nähe sucht und zugleich den grossen Opernrausch.

19.–21. September, 24h-Opernhaus & Der Rosenkavalier

Foto: BausBaus

Opernhaus Zürich

Der Rosenkavalier

Richard Strauss

Komödie für Musik in drei Akten
Libretto von Hugo von Hofmannsthal.

Identitäten im Umbruch

Christina Reuter liest aus «Ein nicht ganz legitimes Unternehmen» – einem Text, der von Masken, Rollen und Hochstaplerinnen erzählt. Wer sich neu erfindet und wer durchs Netz fällt, bleibt dabei bewusst in der Schwebe. Aus Sprache und Szene entsteht ein Raum, in dem Identität ständig in Bewegung ist und die Ahnung mitschwingt, dass jeder Auftritt auch ein Anfang von etwas anderem sein könnte. 

19. September, Villa Grunholzer

Christina Reuter: Ein nicht ganz legitimes Unternehmen

Villa Grunholzer

Christina Reuter: Ein nicht ganz legitimes Unternehmen

Ein Roman über den Mut zur Veränderung.

Veröffentlicht am 11. September 2025.

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