Das Trio Feigenwinter / Oester / Pfammatter (c) Clemens Schiess

«Wir merken, wie wir kompositorisch immer weiterbauen können»

Der Basler Pianist Hans Feigenwinter hält wenig von Selbstvermarktung und Bühnenoutfits. Lieber haucht er alten Standards neues Leben ein.

Wir erwischen dich zwischen den Jahren – aktuell befreit von deinen Lehrtätigkeiten in Luzern und Basel. Wie verbringst du die Zeit?
Sehr ruhig.Es sind stille Tage.Manchmal lege ich eine Platte auf und höre genauer hin.

Was liegt derzeit auf dem Plattenteller?
Lustigerweise viel Jazz aus den Fünfzigern. Clifford Brown zum Beispiel.

Spielst du im privaten Rahmen auch Klavier? «O Tannenbaum» und «Jingle Bells» an Heiligabend? Das sind ja schliesslich auch Standards!
Nein. Das vermeide ich. Aber ich höre mir sehr gerne Oratorien an. Ich bin auch Mitglied in einem Chor, mit dem wir diese Weihnachten zum ersten Mal das Kurrendesingen praktiziert haben. Am 25. Dezember ganz früh am Morgen sind wir durch die Strassen von Basel gelaufen und haben gemeinsam Weihnachtslieder aus der Renaissance gesungen. Singend durch die dunkle Stadt zu laufen und die Leute ganz sanft zu wecken, empfand ich als ziemlich magisch.

Da singst du also ganz bewusst. Aber auch sonst hört man deine Stimme: Wenn man sich auf Youtube Konzertmitschnitte von euch anschaut, begleitest du die Klaviermelodien stimmlich mit. Woher kommt das?
Das passiert beim Improvisieren recht schnell. Das ist so eine Schiene, die mitläuft. Um noch mehr in der Musik zu versinken. Ich merke das übrigens nicht.

Überrascht dich das dann, wenn du eure Aufnahmen hörst?
Ich habe mich dran gewöhnt. Mitunter kann es ganz cool wirken, finde ich. Mir hat aber auch schon ein Mitmusiker das Singen verboten. Er fand das irritierend. Und ich fand es interessant, zu versuchen, das mal zu kontrollieren. Wir haben auch schon mal ein Brett zwischen mir und dem Resonanzraum des Flügels aufgebaut, damit das die Aufnahmen nicht zu stark beeinflusst. Aber schlussendlich habe ich mir das dann doch nicht ausgetrieben. Es gehört irgendwie zu mir.

Nach Witikon kommst du mit dem Bassisten Bänz Oester und dem Schlagzeuger Norbert Pfammatter. Ihr spielt bereits seit einer Ewigkeit zusammen. Was macht die beiden aus? Wieso wird das nicht langweilig nach all den Jahren?
Das ist eine uralte Musikerfreundschaft. Wir spielen seit Mitte der Neunziger Jahre zusammen. Anfangs in einer grösseren Formation. Daraus haben wir dann dieses Trio herausgefiltert. Wir merken in dieser Konstellation, wie wir immer weiterbauen können. Da wir uns selbst immer weiterentwickeln, wird das auch nicht langweilig.

Christian Niederer, der Kurator der «Jazz in Witikon: My Favorite Things»-Reihe, meinte, ihr seid allererste Wahl gewesen. Er lobt die Phrasierung und die nuancierten Tiefen eurer Musik und meint, eure Musik sei «One of a kind». Was strebt ihr selber an? Mit welcher Intention geht ihr ans Werk?
Ich glaube, es geht einfach darum, gute Musik zu machen. Mehr nicht. Wir sind alle drei auch kompositorisch tätig, aber mit diesem Trio spielen wir nur Fremdkompositionen. Es geht also um die Auswahl und unser Zusammenspiel.

Wie geht ihr vor, wenn ihr einen «neuen» Standard anpackt?
Grundsätzlich gibt es immer mal wieder ein Treffen. Wir finden uns zusammen und spielen. Unabhängig von Konzerten oder irgendwelchen Intentionen. Einfach so. Ich nenne das darum auch bewusst «Treffen» und nicht «Probe», denn es gibt selten etwas einzuproben. Es geht viel eher darum, herauszufinden, ob wir noch Gefallen am Zusammenspiel haben und etwas Spannendes passiert. Wir spielen dann jeweils viel mehr Stücke, als wir dann auf die Bühne bringen. Mitgenommen werden nur jene, die uns noch Raum zum Forschen lassen.

Der Anlass steht unter dem Motto «My Favorite Things». Hast du irgendeine Beziehung zu diesem Standard?
Klar, das Stück kennt man natürlich. In der Jazzgeschichte vor allem in der berauschenden Version von John Coltrane. Gespielt habe ich es auch schon, aber sehr selten. Und in dieser Konstellation noch nie. Das Lied kommt ja aus einem Kindermusical, wenn man so will. Da werden Schnitzel und Torten erwähnt – was jetzt aber nicht unbedingt musikalisch einfliessen wird. Schauen wir mal, was passiert.

Du bist als Musiker und Dozent am Puls: Wie geht es dem Jazz in der Schweiz? Lebt er, atmet er, erfindet er sich neu?
Ich kann diese Frage ganz sicher nicht abschliessend beantworten. Ich kriege nur einen kleinen Ausschnitt dessen mit, was sich alles tut. Aber mein Gefühl sagt mir, es ist nicht nur etwas im Kommen, es passiert tatsächlich viel. Ich glaube, der Jazz ist an einem guten Punkt angekommen. Die Debatten darüber, was man darf und was nicht, hat er hinter sich lassen können. Heute positioniert sich jeder und jede ziemlich selbstbewusst und entfaltet sich sehr individuell, interpretiert Jazz also ganz für sich. Und so sollte es sein. Generell sehe ich eine Tendenz dazu, dass viele junge Musiker:innen eigene Bandkonzepte entwickeln und umsetzen und sich dadurch der populären Musik annähern.

Das Trio Feigenwinter/Oester/Pfammatter (c) Clemens Schiess
Das Trio Feigenwinter/Oester/Pfammatter (c) Clemens Schiess

Auf Youtube findet man auch eine sehr schöne Popmusik-Analyse von dir. Du sezierst «Adios» von Loco Escrito: Weisst du noch, wann du das letzte Mal berauscht warst von Musik aus einem anderen Genre?
Davon hatte ich es gerade kürzlich mit einigen Musikerfreunden: Die grössten Überraschungen als Musikrezipient erlebt man, wenn man Zeitreisen macht. Ich erinnere mich, wie ich vor ein paar Jahren Tanzmusik aus der Renaissance gehört habe und einen richtigen Flash hatte. So etwas hatte ich überhaupt noch nie gehört.

Du bist seit Ewigkeiten aktiv und hochrespektiert in der Jazzszene. Wahnsinnig viel findet man im Netz aber nicht über dich. Und auch auf den gängigen Streaming Plattformen drängt sich kaum was auf. Woran liegt das?
Ich preise mich nicht gerne an. Dass man eine Website hat, ist ja jetzt auch nichts Neues mehr. Und ich finde es auch nicht falsch, wenn man sich dort gut darstellt. Nur denke ich dann für mich immer: Eigentlich arbeite ich jetzt lieber an der Musik, als dort irgendwas reinzuschreiben. So geht es mir im Übrigen auch mit Social Media: Das ist alles ok. Nur scheint mir, als könne man dort wahnsinnig viel Zeit vertrödeln.

Überlegt sich Hans Feigenwinter eigentlich, was er auf der Bühne trägt?
Ja, das tue ich. Und dann komme ich immer zum Schluss, dass ich in meinen Alltagskleidern auf die Bühne will. Es gibt Sängerinnen, deren visueller Auftritt überzeugt mich wahnsinnig. Zum Beispiel der von Evelinn Trouble. Aber zu mir passt kein Bühnenoutfit.

In Witikon werden Familienkonzerte gegeben. Es ist explizit erwünscht, dass Kinder jeden Alters anwesend sind. Habt ihr damit Erfahrung?
Kaum. Es kommen sehr wenige Kinder an Jazzkonzerte. Insofern finde ich es gut. Wir machen ja keine exklusive Musik.

Reicht denn deine Begeisterung für Jazz schon ins Kindesalter zurück?
Könnte man so sagen, ja. Ich habe schon als Kind viel improvisiert – mit dem Vokabular, das ich damals hatte.

Du hast erklärt, wie das bei euch funktioniert: Ihr probiert bei euren Treffen verschiedenste Stücke aus und diejenigen, bei denen am meisten passiert, die spielt ihr dann live vor Publikum. Gibt es sonst ein Ritual vor den Konzerten?
Ritual klingt wahnsinnig hochtrabend. So etwas gibt es bei uns nicht. Es ist uns wohl, wenn wir die letzte halbe Stunde vor dem Auftritt in Stille verbringen können.

Ein Glas Rotwein?
Lieber nicht.

Zur Person
Das Klavier begleiten Hans Feigenwinter, Jahrgang 1965, aufgewachsen im Raum Basel, schon ein Leben lang. Die Eltern waren der Klassik zugetan, der junge Hans improvisierte bereits mit sechs Jahren munter drauflos. Nachdem er als Teenager mit verschiedenen Popformationen durchs Land tingelte, verschrieb er sich dem Jazz. Heute unterrichtet er an der Musikhochschule von Basel und der Hochschule Luzern und spielt in den verschiedensten Formationen. Zwei der bekanntesten und am längsten existierenden: Das Trio mit Arno Troxler und Wolfgang Zwiauer, mit dem er Eigenkompositionen umsetzt sowie das Trio mit Bänz Oester und Norbert Pfammatter, mit dem er am 13. Januar ab 19 Uhr in Witikon zu hören sein wird.

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Das KulturNETZ Witikon bezweckt die Koordination und Vernetzung von kulturellen Aktivitäten im Quartier Zürich-Witikon und es initiiert und organisiert Aktivitäten, welche das vielfältige Angebot ergänzen. Dem Verein gehören derzeit ...

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Von Adrian Schräder am 12. Januar 2023 veröffentlicht.

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