Tatort Zürich: Das literarische Potential von Witikon

Am KultourFEST lesen diesen Freitag Witiker Autor:innen aus ihren Werken vor. Bietet das Aussenquartier dafür einen guten Nährboden? Eine Umfrage.

Am Freitag wird Witikon für einen halben Tag zum kulturellen Überraschungsei. Überall ploppen die Darbietungen wie Pilze aus dem Boden, allerorten präsentieren sich die verschiedensten Kunstformen. Es kann gestaunt, gelauscht und mitgetan werden – KultourFEST nennt sich das Ganze.

In der PBZ Bibliothek Witikon an der Witikonerstrasse – Leseratten gibt es laut Leiterin Melanie Landolt einige – trifft sich die vielfältige Literaturszene des Quartiers. Aber taugt das ruhige Fleckchen zwischen Elefanten- und Witikonerbach, zwischen Balgrist und Pfaffhausen auch zum Schauplatz grosser und kleiner Belletristik? Wir haben bei Kinderbuchautorin Anne-Friederike Heinrich, Krimiautorin Susanne Gantner, Romanautor Peter Metz und Allrounder Erwin Bernhard nachgefragt.
 

Witikon ist ein wunderschönes Wohnquartier, aber ehrlich gesagt nicht der Nabel der Welt. Nachts feiern höchstens die Wildtiere. Eine Spelunke sucht man umsonst. Taugt Witikon als Schauplatz für einen Roman?
Anne-Friederike Heinrich:
Ausgeschlafen schreibe ich die besten Geschichten – deshalb schätze ich die Ruhe Witikons sehr. Es ist nicht der Schauplatz an sich, der einen guten Roman ausmacht, sondern das, was durch die Fantasie von Autor und Leser aus diesem Schauplatz wird. Man kann sich sogar nach Witikon einen rauchigen Spunten voller zwielichtiger Gestalten denken. Entstehen nicht aus der lautesten Stille und der ausgeprägtesten Harmlosigkeit die tiefgründigsten Krimis?

Susanne Gantner: Unbedingt. Es sind die Menschen, die für Konfliktsituationen verantwortlich sind, aus denen Verbrechen entsteht. Es braucht dazu aber Lokalkolorit, um einer Geschichte Leben einzuhauchen.

Peter Metz: Da ich am liebsten schreibe, wenn ich Stimmengewirr um mich herum und ein Bier in Griffweite habe, ist Witikon zumindest als Entstehungsort eines Romans für mich nicht besonders geeignet. Aber wenn man bedenkt, wie viele Krimiserien den kleinsten Orten eine haarsträubende Kriminalitätsrate bescheren, könnte auch das friedliche Witikon im Zentrum eines solchen stehen (Titelvorschlag: «Das Geheimnis der verschwundenen Beizen»).


Generell: Was braucht es dazu? Was sind die Bausteine für einen Roman?
AFH:
Ein starker Protagonist, den der Leser trotz seiner Ecken und Kanten ins Herz schliesst, ein schillernder Antagonist und ein zündender Handlungsstrang mit einem überraschenden Ende. Dazu ein paar Umwege, bis die beiden Widerstreitenden an ihr Ziel kommen.

PM: Leben und Tod. Die Grundfragen des Lebens. Liebe? Vielleicht. Aber alles das gibt es ja in Witikon wie an jedem Ort der Welt.

Erwin Bernhard: Man muss die eigenen Meinungen im Kleiderschank lassen und mit offenen Augen herumlaufen, mit Menschen plaudern, ihnen zuhören, ohne es besser wissen zu wollen.Strassen und Wegen verlassen, und dort, wo’s die wenigen verbliebenen Landwirte und die Landschaftsgärtner nicht ärgert, neugierig herumforschen. Alles in sich wirken und zur Grundmaterie werden lassen. Irgendwann werden daraus Landschaften, Gestalten und Ereignisse in Witikon, wie es auch sein könnte.


Welches Genre drängt sich im Zusammenhang mit Witikon auf?
EB: Keines und jedes. Wie es in der Bronx Lyrik geben kann, so in Witikon Dramen.

AFH: Mir? Kinderbücher. Schon immer. Und je länger, desto mehr.

PM: Möglicherweise wäre ein historischer Roman aus den Zeiten, als Witikon noch nicht zu Zürich gehörte, ein lohnender Ansatz? Und aktueller: Wer trifft sich im besetzten Haus; welche Schicksale treffen dort aufeinander? Und was haben sie mit Witikon zu tun?


Herr Bernhard, Sie haben einen Krimi geschrieben, der im Witikon der Zukunft spielt. Wieso?
EB:
Aus der Zukunft betrachten, kann man sich die heutige Frage «Wohin führt das noch?» gründlicher stellen. Es gibt wissenschaftliche begründbare, unterschiedliche Szenarien, zwischen denen man Science–Fiction ansiedeln kann – vorausgesetzt man dokumentiert sie gründlich und ist in Naturwissenschaften sattelfest.


Frau Gantner, ihre Krimiserie spielt ebenfalls in Witikon – allerdings in jenem der Gegenwart. Es sind bereits drei Bände erschienen. Bietet das Quartier Stoff für einen vierten Band?
SG:
Ich bin in Witikon aufgewachsen und liebe die Schauplätze meiner Krimis. Meine Protagonisten, der Ermittler Heiri Stampfli von der Kantonspolizei Zürich, seine zum Teil schrulligen Mitarbeiter und nicht zuletzt seine pfiffige Tochter Susanne sorgen im neusten Fall, bei dem es um den eritreischen Flüchtling Tesfay geht, für Spannung und Unterhaltung. Die Tatorte Eierbrechtstrasse und Elefantenbach lassen die Herzen der Krimifans aus Witikon sicher höher schlagen, sorgt es doch für Nervenkitzel, wenn ein fiktives Verbrechen in der Nachbarschaft geschieht. Und ja: Ein weiterer Band ist bereits in Arbeit. Es wird um eine Wasserleiche in der Limmat gehen, aber die Haupthandlung spielt natürlich wieder in Witikon.


Aktuell verjüngt sich oben auf dem Hügel alles. Neue Überbauungen entstehen, neue Kinderspielplätze, neues Leben. Wie erleben Sie diesen Wandel und wie nehmen sie ihn  literarisch auf?
PM:
Ich persönlich schreibe noch wenig über Witikon – meine Geschichten wurzeln immer noch in der «alten» Heimat Mannheim. Der Wandel ist aber unübersehbar und hoffentlich wirklich belebend – und nicht zu einer Schlafstadt führend, in der es nachts NOCH ruhiger wird.

EB: Andeutungsweise nehme ich diese Entwicklung in den beiden Krimis, die schon publiziert wurden, intensiver in 12 anderen, die bereit für die Publikation sind (12 Quartierkrimis für 12 Quartiere in der amtliche Spirale um den Lindenhof) auf. Mal sehen, was draus wird, ich habe schon Kontakte aufgenommen.


Welche hiesigen Orte und welche Personen drängen sich als Schauplätze und Figuren auf?
EB:
Keine. Dichtung ist keine Reproduktion der Wirklichkeit, sondern eine zusätzliche Dimension menschlicher Freiheit. In der Dichtung ist «Wirklichkeit» eine von vielen Möglichkeiten, der man andere entgegensetzen kann.

SG: «Jede Ähnlichkeit mit lebenden Personen ist rein zufällig», gilt auch für meine Protagonisten. Es gibt also keine Witiker oder Witikerinnen, die ich portraitiere. Lediglich in Band 2 kam eine reelle Person vor, nämlich Mike Müller. Den habe ich aber vorher um Erlaubnis gebeten.

PM: Wie wäre es mit Wilhelm Reublin, der in der Alten Kirche zur Zeit der Reformation wirkte und noch vor Zwingli der erste Pfarrer war, der heiratete? 

AFH: Es ist alles da in Witikon, was ich für einen Abenteuerroman für Kinder bräuchte: eine sehr alte Kirche mit Kanonenkugeln in der Fassade, ein Bachtobel wie im Urwald, eine einsam stehende Blutbuche, ein paar Tümpel und Weiher, leerstehende Schuppen und Häuser, zwei Schulhäuser mit Bibliotheken – die in meinem Roman aber ein Jahrhundert älter und noch staubiger sein müssten. Figuren sind auch alle da, die ich brauche: eine ältere Dame, die immer die gleiche Kleidung trägt und mit sich selbst spricht; ein jüngerer Fussballfan, der den Kindern Angst macht, weil er nichts sagt. Der Metzger, der sich für Elvis hält. Die Dame auf dem Fahrrad, die stets alle grüsst und auch bei Regen noch lächelt. Der Hündeler, dem man auf jedem Weg begegnet, egal, wann man unterwegs ist. Hausbesetzer und pfiffige Kids …und jetzt muss ich aufhören, weil sich sonst noch jemand wiedererkennt.


Was bekommen die Gäste des diesjährigen Kultourfests von Ihnen zu hören?
EB:
Auszüge aus «Unterwegs nach Atalanta», ein Science-Fiction Roman, an dem ich seit 2019 arbeite. Als mir klar wurde, dass die Sowjetunion 2022 in die Ukraine einbrechen würde, um das Land zu annektieren. Der Roman berichtet von einer Bewegung, die 2045 entsteht – die Ukraine ist dannzumal ein unabhängiges Land, wird aber weiterhin von Russland bedrängt.

AFH: Ich lese aus meinem witzigen Abc-Buch «Allererstes ABC außergewöhnlicher Ausreden – zweckdienliche Zusammenstellung zauberhafter Zwerge» vor und bastele hinterher mit den kleinen Zuhörern noch ihren Lieblingsbuchstaben.

SG: Ich werde einige Kapitel aus «Fatales Treffen am Elefantenbach» lesen, die den Gesamtplot nicht verraten, denn spoilern geht bei einem Krimi gar nicht. Natürlich gibt es da auch Szenen aus Witikon. Ausserdem erzähle ich, wie ich zum Krimischreiben gekommen bin, wie ich arbeite, wer ich bin.

PM: Ich stelle meinem aktuellen Roman «Kaliszko» vor, in dem es um den Tod eines Jugendlichen durch die Schüsse eines Zivilpolizisten geht.
 

Eine aktuelle Leseempfehlung?
PM: Zuletzt gelesen: «Die Einstellung» von Doron Rabinovici, «Der goldene Handschuh» von Heinz Strunk und «Wer hat meinen Vater umgebracht?» von Edouard Louis.

Anne-Friederike Wilhelm, Susanne Gantner und Erwin Bernhard lesen ab 15 Uhr in der PBZ Bibliothek Witikon. Peter Metz liest um 19:45 Uhr im Quartiersaal im Zentrum Witikon.

Weitere Informationen unter www.kultourfest-witikon.ch

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Von Adrian Schräder am 16. Juni 2022 veröffentlicht.

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