Wie halten wir es mit der Natur?

Redaktion Frank Wendler
Redaktion Frank Wendler

Das Stapferhaus zeigt in einer klugen Ausstellung spannende Geschichten und Probleme und ermöglicht, die eigenen Standpunkte zu überprüfen.

Schon der Einstieg in die Ausstellung ist ungewöhnlich. Ich werde gebeten, Schuhe und Socken auszuziehen (was natürlich freiwillig ist), um barfuss «NATUR – und wir?» zu erkunden. Ich gehe über Sand, Stahl, Holzbohlen, Beton, Kiesel und durch ein trockenes Flussbett, spüre die Vielfalt der Materialien unter meinen Füssen. Das fühlt sich wirklich gut an.

Ich laufe durch acht Räume, die sehr viele Geschichten und Informationen liefern. Zwei Beispiele: Im Jahr 2019 erreichte eine wissenschaftliche Expedition den Meeresgrund in fast elf Kilometern Tiefe. Sie entdeckte dort drei bisher unbekannte Tierarten – und eine Plastiktüte. Die zweite Geschichte ist kurz und viele Menschen, die arglos ein Hühnchen essen, werden sie weder kennen noch mögen: Ross 308 ist das beliebteste Masthuhn der Welt. Binnen 37 Tagen wächst das Küken zu einem Tier von zwei Kilogramm Gewicht mit übergrosser Brust und massigen Schenkeln heran. Dann ist die Zeit der Schlachtung gekommen.

Aber zurück auf Start. Der erste Raum erzählt mit vielen Exponaten – vom Wolf bis hin zu aufgespiessten Insekten – vom Kampf des Menschen gegen die Kraft der Natur. Sie haben Terrain erobert und erforscht, Systeme entwickelt und die Natur systematisiert und im 19. Jahrhundert begonnen, Wälder, Landstriche oder Gewässer zu schützen. Immerhin.

Es hat nur nicht gereicht. Der zentrale, sehr grosse folgende Raum mit mehreren integrierten Kabinetten bietet im zentralen Rondell hunderte von anschaulich präsentierten Informationen und Geschichten über den maroden Zustand der Welt und ihrer Lebewesen. Auf grossen Bildschirmen laufen Filme über die Schönheit und Gefähr­dung unserer Erde, über die Vielfalt der Viren und Bakterien in uns; in den Kabinetten erzählen Exponate, Fotos und Texte von einem Fluss als Rechtsobjekt, kommunizierenden Pflanzen und Tieren als Gefährten.

Die Ausstellung gibt keine schlichten Antworten auf komplexe Probleme. Im letzten Raum erwartet mich und die anderen Gäste eine riesige Leinwand, auf der vier Personen mit ihren Sichtweisen über das Verhältnis von Menschen und Natur und Lösungsmöglichkeiten in der Krise streiten. Sie stehen jeweils für eine bestimmte Haltung. Ein Mann ist technikaffin und glaubt an die Rettung der Welt durch Innovationen. Die Frau neben ihm ist gut informiert und sieht den entscheidenden Einfluss in Massnahmen, die Menschen mitnehmen. Der andere Mann ist überzeugt, dass nur ein radikaler Wandel unserer Lebensgewohnheiten die Welt retten kann. Die zweite Frau dagegen ist völlig unbekümmert und nicht bereit, ihren Lebensstil zu ändern. Die vier fordern das Publikum im Raum immer wieder auf, mittels am Eingang ausgegebener Buzzer ihre Überzeugungen zu teilen oder abzulehnen. Ich finde den Diskurs sehr interessant, weil er auf Auseinandersetzung und Selbstbefragung setzt. Oder, wie es Sibylle Lichtensteiger aus dem Ausstel­lungs­­team, formuliert: «Komplexe Themen ohne politischen Mahnfinger sinnlich erlebbar zu machen, ist für uns die grosse Aufgabe des Ausstellungmachens.»

Den Buzzer benutze ich immer wieder, da ich an vielen Stationen dazu aufgefordert werde, meine Meinung zu einem bestimmten Problem abzugeben. Dazu habe ich jeweils vier Alternativen. Ich kann zum Beispiel bei einem Hausbrand wählen, in welcher Reihenfolge Mensch, Haustier und Nutztier gerettet werden sollen, kann entscheiden, ob mich die Viren in mir interessieren, ich sie nützlich finde, sie mich bedrücken oder mir schlicht egal sind. Aus meinen vielen Antworten ergibt sich ein Profil, das ich per Ausdruck am Ausgang abrufen kann.

Ich bin recht gut informiert, denke in vielen Fragen ganzheitlich, bin manchmal zu unbekümmert und glaube nicht an die Rettung der Natur durch Genmanipulation und andere technische Fortschritte. Das Ergebnis entspricht meiner Selbstein­schätzung. Aber mir ist klar: Die Bahn statt das Flugzeug zu nutzen, weniger Auto zu fahren, kein Fleisch zu essen, im Winter weniger zu heizen und die Klamotten noch ein weiteres Jahr zu tragen, wird bei weitem nicht reichen. Es muss noch viel mehr geschehen.

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